{"id":827,"date":"2022-11-17T10:28:39","date_gmt":"2022-11-17T09:28:39","guid":{"rendered":"https:\/\/guentherundwagner.de\/guenther\/?page_id=827"},"modified":"2026-03-02T17:07:13","modified_gmt":"2026-03-02T16:07:13","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/guentherundwagner.de\/guenther\/about\/texte\/","title":{"rendered":"Texte"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"\/guenther\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/Schnipsel-w-6959.jpg\" alt=\"\"><\/p>\n<div>\n<h6>Unter dem Tisch im Atelier<\/h6>\n<\/div>\n<h1>\n<h2>Einf\u00e4deln<\/h2>\n<\/h1>\n<h1>\n<h5>Markus Lepper, Einf\u00fchrung zur Publikation &#8222;Fadentiraden&#8220;, 2014<\/h5>\n<\/h1>\n<div>\n<p>\u201eSchweigen\u201c, sagte Murke, \u201eich sammle Schweigen. [&#8230;] Wenn ich B\u00e4nder zu schneiden habe, wo die Sprechenden manchmal eine Pause gemacht haben \u2013 auch Seufzer, Atemz\u00fcge, absolutes Schweigen \u2013 das werfe ich nicht in den Abfallkorb, sondern das sammle ich [&#8230;]. Ich klebe sie aneinander und spiele mir das Band vor, wenn ich abends zu Hause bin. Es ist noch nicht viel, ich habe erst drei Minuten \u2013 aber es wird ja auch nicht viel geschwiegen.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Man kann sich wohl kaum eine treffendere Gegenposition zur Sammlung des Dr. Murke vorstellen als das Sammeln von Schimpfw\u00f6rtern, wie Ingke G\u00fcnther es nun seit zehn Jahren praktiziert. Wenn sie ihre aus zwei (oder selten auch drei) W\u00f6rtern zusammengesetzten Schimpfw\u00f6rter in ein B\u00fcttenpapier stickt, dann gibt sie sowohl altert\u00fcmlich anmutenden W\u00f6rter wie auch sprachlichen Wendungen der Jugendkultur eine neue Pr\u00e4senz. Dadurch kommen auch ganz unterschiedliche Ebenen der Auseinandersetzung miteinander in Ber\u00fchrung: Soziokulturelles, k\u00fcnstlerisch-handwerkliches und wissenschaftlich-forschendes Interesse. Denn sollte ich das, was die K\u00fcnstlerin macht, einleitend beschreiben (und dieser Versuch wird hier unternommen), so k\u00e4men mir Feld- und Sprachforschung, Nadelarbeit<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>, konzeptuell-k\u00fcnstlerische Positionen zwischen Schrift und Sprache, aber ebenso eine \u201eWissenschaft vom Alltag\u201c in den Sinn.<\/p>\n<p>Auch als Medium der zeitgen\u00f6ssischen Kunst haben Stickereien in den letzten zwanzig Jahren an Bedeutung gewonnen. In ihrem Buch \u201eNadelstiche\u201c geht Matilda Felix diesem Ph\u00e4nomen nach und untersucht am Werk ganz unterschiedlicher K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler deren Verwendung von Nadel und Faden: \u201eSeit der Aufkl\u00e4rung verk\u00f6rpern Stickereien einen destillierten Ausdruck von Anstand und Ordnung, der sie als k\u00fcnstlerisches Medium diskreditierte und aus dem Kunstbetrieb verdr\u00e4ngte. Inzwischen verleiht gerade dieses gut-b\u00fcrgerliche Image der Handarbeit eine Note der Renitenz, die sie f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler interessant werden l\u00e4sst.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Der braven (wenn nicht biedermeierlichen) T\u00e4tigkeit des Stickens k\u00f6nnte man kaum mehr subversive Brisanz verleihen, als durch die Heftigkeit der Ausdr\u00fccke, die Ingke G\u00fcnther in das Papier wirkt. Jedenfalls wird das Dekorationsbed\u00fcrfnis im b\u00fcrgerlichen Interieur durch dieses Verst\u00e4ndnis typisch weiblicher Freizeitbesch\u00e4ftigung in Frage gestellt und die Behaglichkeit der Wohnung ger\u00e4t durch diese Art der Stickerei zumindest in Gefahr.<\/p>\n<p>Wenn nun der Neue Kunstverein Gie\u00dfen freudig die Herausgeberschaft dieses Buches \u00fcbernommen hat, dann ist das folgerichtig, weil im Jahr 2005 eine kleine Auswahl von Schimpfw\u00f6rtern im Rahmen der Ausstellung \u201eheute empfehlen wir\u201c von Ingke G\u00fcnther und J\u00f6rg Wagner erstmalig zu sehen waren.<br \/>Gemeinsam hatten sie damals den Kunstverein, der gut ein Jahr zuvor neu Quartier in einem ehemaligen Verkaufspavillon am Alten Friedhof genommen hatte, zeitweilig wieder in die alte Form seiner Nutzung \u00fcberf\u00fchrt. Die urspr\u00fcngliche und heutige Funktion des Raumes wurden zusammengebracht, indem der stadtbekannte Kiosk tempor\u00e4r wieder als solcher genutzt wurde, ohne jedoch seinen neuen Zweck als Raum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst aufzugeben. Konsumg\u00fcter und Artefakte wurden auf gleicher Ebene pr\u00e4sentiert und verkauft. Neben Lakritzschnecken, Bierflaschen und Schokolade gingen auch bestickte Putzlappen, fotografierte Spiegeleier und eben jene gesammelten Kraftausdr\u00fccke als Nadelarbeit \u00fcber die Verkaufstheke, die hier als \u201eFadentiraden\u201c versammelt sind.<br \/>Laut \u201eSpeisen- und Warenangebot\u201c waren es damals 401 Schimpfw\u00f6rter als Stickerei auf B\u00fctten, jedes Wort in einer Auflage von 10 St\u00fcck. An der Auflage hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert, wohl aber an der Zahl der Schimpfw\u00f6rter, die nur noch knapp unter zweitausend liegt.<\/p>\n<p>Ingke G\u00fcnther sammelt und archiviert Schimpfw\u00f6rter, die auch unterschiedliche Dialekte<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> und Soziolekte in sich tragen. Durch das Aufschreiben in Form der Stickerei dokumentiert sie aber auch ihre Sicht auf die Welt und verortet das Schimpfen als Ausdruck zwischen liebevollem Gram und verdrie\u00dflichem Urteil. F\u00fcr die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen Kunst und Leben, die seit vielen Jahren sowohl f\u00fcr die Kunstproduktion als auch f\u00fcr die Rezeption eine wichtige Konstante ist, spielen diese Alltagsph\u00e4nomene und deren Bedeutung in der Sprache eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>In drei Beitr\u00e4gen n\u00e4hern sich die Autorinnen dieses Buches von unterschiedlichen Seiten her dem Feld, das Ingke G\u00fcnther bearbeitet. Andr\u00e9 Meinunger ist Sprachwissenschaftler und untersucht das Schimpfen als Sprechakt und Bindeglied zwischen kommunikativen Formen im Tier- und Menschenreich, wobei nicht Schimpfw\u00f6rter wie \u201eAuerochse\u201c oder \u201eSauhund\u201c gemeint sind, sondern eher verhaltenspsychologische Formen, die in menschlicher und tierischer Kommunikation durchaus vergleichbar sind. Die K\u00fcnstlerkollegin Andrea Knobloch geht in ihrem Text auf die Herstellung und den Kontext der unterschiedlichen Werkgruppen ein. In \u201eSchriftst\u00fccken\u201c, den \u201eCut-Outs\u201c und den \u201eSchimpfworten\u201c qualifiziert sie je unterschiedliche aber einander verwandte Prinzipien, Wort und Schrift ins Bild zu bringen. Mit \u201ePost-it\u201c hantiert die Schweizer Autorin Katharina Tanner selbst mit handfestem Vokabular und n\u00e4hert sich den Arbeiten mit lyrischen Analogien aus dem Bereich des Haushaltes und der Handarbeit.<\/p>\n<\/p>\n<p>Dem nur scheinbar unbeteiligten Aufsammeln von Schimpfw\u00f6rtern und Sinnspr\u00fcchen sowie dem scharfen Blick der K\u00fcnstlerin auf wortsch\u00f6pferische Ph\u00e4nomene, entspringt ihr Hintersinn. Der Ernsthaftigkeit und Ausdauer ihrer Erforschung sowie der Transformation der Ergebnisse in diesem Buch ist es zu verdanken, dass die Leserschaft einen Einblick in die komplexe Funktionsweise der Alltagskultur erh\u00e4lt. So sind die Schimpfw\u00f6rter wohl auch Vermittlungs- oder Kompensationsversuch zwischen Kunst und Leben, zwischen \u201eHackfresse\u201c und \u201eHimbeertoni\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span>[1]<\/span><\/a> Heinrich B\u00f6ll, <em>Dr. Murkes gesammeltes Schweigen<\/em>, 1958. Die Kenntnis dieses Zitates verdanke ich Marcel Baumgartner.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><span>[2]<\/span><\/a> Unter Nadelarbeit, auch Handarbeit versteht man in der Textiltechnik diejenigen Techniken, die mit Textilien, Garnen und Nadeln verschiedenster Art und Form von Hand ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><span>[3]<\/span><\/a> Matilda Felix, <em>Nadelstiche. Sticken in der Kunst der Gegenwart<\/em>, Bielefeld: Transcript, 2010, S 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><span>[4]<\/span><\/a> Insbesondere aus dem Bayrischen und dem Schweizerdeutschen k\u00f6nnte eine Vielzahl von Schimpfw\u00f6rtern erg\u00e4nzt werden, die jedoch der gew\u00fcnschten Allgemeinverst\u00e4ndlichkeit der Ausdr\u00fccke entbehren w\u00fcrden.<\/p>\n<\/div>\n<hr>\n<h1>\n<h2>Worte Handhaben<\/h2>\n<\/h1>\n<h1>\n<h5>Andrea Knobloch, in der Publikation &#8222;Fadentiraden&#8220;, 2014<\/h5>\n<\/h1>\n<div>\n<p>Das gesprochene Wort ist ein Hasardeur. Durch einen Zungenschlag verwirbelter Atem dr\u00e4ngt zwischen Z\u00e4hnen und Lippen hervor. Ein ausgespucktes Ger\u00e4usch, das einen Sinn in das Denken auch zuf\u00e4lliger Zuh\u00f6rer pflanzt, der allzu oft nicht mit der Absicht des Sprechers \u00fcbereinstimmt. Das gesprochene Wort ist fl\u00fcchtig. Kaum hat es ein Trommelfell in Schwingungen versetzt, verhallt es auch schon. Trotzdem kann es, einmal ausgesprochen, nicht zur\u00fcckgenommen werden.<\/p>\n<p>Das geschriebene Wort legt fest, tr\u00e4gt ein, beharrt und steht zur Verf\u00fcgung. In die beiden Steintafeln, die Moses dem Volk Israel vom Berg Sinai mitbrachte, hatte, der Sage nach, Gott mit eigenem Finger die zehn Gebote eingekerbt. Sobald die Schrift erfunden war, wurden in Stein geschlagene Erlasse der Herrschenden in ungez\u00e4hlten Tagesreisen durch unzug\u00e4ngliche Landschaften geschleppt, um ihren Machtanspruch zu behaupten und zu sichern. Ohne die Energie des g\u00f6ttlichen Fingers nur mit Hammer und Mei\u00dfel ausgestattet, wird das Schreiben in Stein zur Kr\u00e4fte zehrenden M\u00fchsal. Und: je l\u00e4nger und ausf\u00fchrlicher der Text, desto schwerer wog das, ab einem gewissen Volumen vollends immobile, Ergebnis. Das gewichtige Wort wird immer noch in best\u00e4ndiges Material gefasst. Altert\u00fcmliche ebenso wie neuzeitliche Denkmale und Grabsteine erinnern an die Ungeheuerlichkeit, die mit der Erfindung der Schrift in die Welt kam: n\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit des Festhaltens fl\u00fcchtiger, gesprochener Worte f\u00fcr eine \u2013 gemessen an der Sterblichkeit der Sprechenden und Schreibenden \u00ad\u2013 Ewigkeit.<\/p>\n<p>Unser heutiges Alphabet ist handwerklich gesehen ein Zwitter. Es leitet sich von der Capitalis Monumentalis ab, einer Schrift, die nur Gro\u00dfbuchstaben kennt und ab etwa 100 nach Christi Geburt von r\u00f6mischen Handwerkern mit feinem Gesp\u00fcr f\u00fcr Proportion und Form in S\u00e4ulen und Pylone gehauen wurde. Die Spationierung<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><span>[1]<\/span><\/a> von Versalien ist eine Kunst f\u00fcr sich, umso mehr, wenn ein Text unkorrigierbar in Stein ausgef\u00fchrt wird. Denn es gilt dabei, trotz der ganz und gar unterschiedlichen und charakteristischen Formen der Lettern ein harmonisches Gesamtbild zu erzeugen. Das geschmeidigere und flinkere Schreiben mit Tinte und Feder auf Pergament und sp\u00e4ter auch Papier ver\u00e4nderte die Gestalt der Buchstaben. Im Zusammenspiel zwischen Schreibmedium, Schreibwerkzeug und den motorischen M\u00f6glichkeiten der von links nach rechts gleitenden Hand verschliffen sich Ecken und Kanten zugunsten einer fl\u00fcssigen Schreibbewegung. Am Ende der Verwandlung der ehrw\u00fcrdigen Capitalis Monumentalis stand die humanistische Minuskel, aus der sich die Kleinbuchstaben unseres Alphabets ableiten. Die urspr\u00fcngliche Struktur der einst f\u00fcr Hammer und Mei\u00dfel entworfenen Schrift hat sich in unseren Gro\u00dfbuchstaben weitgehend erhalten.<\/p>\n<p>Der Bleisatz bef\u00f6rderte dann die Vervielf\u00e4ltigung handschriftlich oder sp\u00e4ter per \u201eSchreibmaschine\u201c entworfener Texte. Tausende in Blei geschnittene Lettern pro Schrift wurden immer wieder umsortiert und neu zusammengestellt, um in Windeseile tausende von Seiten auf den geschw\u00e4rzten Bleisatz zu pressen und zu bedrucken. Buchstaben haben l\u00e4ngst kein Gewicht mehr. Sie sind zu Erscheinungen auf Bildschirmen geworden, die sich in wundersamer Weise als schwarze Spuren auf dem Papier der seltener werdenden \u201ePrintmedien\u201c niederschlagen. Schriftentwurf und Schriftherstellung sind heute nicht mehr Werk schaffender H\u00e4nde in direkter Ber\u00fchrung mit Werkzeugen und Material, sondern Ergebnis industriell organisierter digitaler Verfahren.<\/p>\n<p><strong>Schriftst\u00fccke<br \/><\/strong>Ingke G\u00fcnther bedient sich handwerklicher Verfahren, um Worte herzustellen. Dabei betreibt sie einen Aufwand an Zeit und M\u00fche, der, gemessen an der erzeugten Textmenge, verschwenderisch erscheint. Die \u201eSchriftst\u00fccke f\u00fcr den Wohnbereich\u201c, die kurze S\u00e4tze und Sinnspr\u00fcche vorstellen, werden aus wei\u00df grundierten MDF-Platten<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span>[2]<\/span><\/a> gefertigt. Mit rasiermesserscharfer Klinge eingravierte feine Ritzungen verschlingen sich zu Worten, die erst durch das Einreiben der Fl\u00e4che mit \u00d6lkreide und die anschlie\u00dfende Reinigung mit L\u00f6sungsmittel lesbar werden, weil sich dabei Farbe in den Vertiefungen der Lineaturen festsetzt. Mehrere Arbeitsschritte sind notwendig, um ein Textbild zu erzeugen, das trotzdem undeutlich bleibt. Der harte Untergrund und das spitze Schreibwerkzeug lassen nur ruckartige Schreibbewegungen zu. Das Schriftbild erscheint unbeholfen und gezwungen. Bei der Ausf\u00fchrung ist allerdings hohe Konzentration erforderlich, denn jeder Ausrutscher, jedes Verschreiben w\u00fcrde sp\u00e4testens nach dem Durchf\u00e4rben der Fl\u00e4che st\u00f6rend ins Auge fallen. Dabei mutet die Schrift selbst wie eine St\u00f6rung an: L\u00e4stige Kratzer besch\u00e4digen eine ansonsten s\u00e4uberlich glattwei\u00dfe Oberfl\u00e4che, deren unregelm\u00e4\u00dfige und ein wenig fleckige T\u00f6nung an verf\u00e4rbte Kochw\u00e4sche erinnert. Das Format der kleinen Tafeln entspricht mit den Abmessungen 24 x 18 cm der Proportion 4:3, die neben dem Seitenverh\u00e4ltnis 3:2 immer noch eines der gebr\u00e4uchlichsten Buchformate ist. Im Zusammenspiel mit der handlichen Gr\u00f6\u00dfe verf\u00fchrt dieses gemeinhin als harmonisch und angenehm empfundene Ma\u00dfverh\u00e4ltnis zum Anfassen und Aufheben der Tafeln. Beim Drehen und Wenden streicht man \u00fcber die schartigen Ritzungen und f\u00e4hrt dann mit den Fingerspitzen entlang der ruckenden Linien Buchstaben und Worte ab.<\/p>\n<p>Die Tafeln scheinen einer H\u00e4uslichkeit entsprungen, in der das Bem\u00fchen um Ordnung und Sauberkeit etwas gilt, die das rechte Ma\u00df kennt und sich die Zeit g\u00f6nnt, \u00fcberlieferte Lebensweisheiten in Fasson zu bringen, um sich ihrer allt\u00e4glich zu vergewissern. Man denkt an friedvolle Biedermeierlichkeit und sittsame junge M\u00e4dchen, die am Abend kein anderes Gesch\u00e4ft kennen, als in der Spinnstube zu hocken und Stich auf Stich ihre Aussteuer auszun\u00e4hen. Nicht einmal im Widerspruch dazu findet sich der Charakter einer Strafarbeit, der Ingke G\u00fcnthers \u201eSchriftst\u00fccken\u201c ebenso anhaftet. J\u00fcngeren Generationen mag das peinliche Nachsitzen, w\u00e4hrenddessen in Sch\u00f6nschrift viele Male derselbe Satz mit l\u00e4uterndem Inhalt zu Papier gebracht werden musste, erspart geblieben sein. Diejenigen, die in den 60er Jahren oder fr\u00fcher eingeschult wurden, erinnern sich wom\u00f6glich: Schreiben als qu\u00e4lend endloser Vorgang, der sich mit jedem Ausrutscher, jedem Verschreiben und der darauf unweigerlich folgenden Aufforderung zur Wiederholung des ganzen Satzes um weitere, schier endlose Minuten verl\u00e4ngerte. Schreiben als T\u00e4tigkeit, die zum richtigen Leben ermahnt und gleichzeitig dem Leben entzieht. Der Inhalt der S\u00e4tze, die mit M\u00fche und Geschick in die harte und glatte Farbschicht\u00a0 der \u201eSchriftst\u00fccke\u201c gekratzt wurden, offenbart vollends einen erzieherischen Beiklang: \u201eAchte die formale Klarheit im Wohnbereich: lass dich nicht nieder, wo du st\u00f6rst\u201c hei\u00dft es dort oder: &#8222;Trag\u00b4 Sorge um Wohlklang und Behaglichkeit&#8220;, als w\u00e4re dies mit gouvernantenhafter Spitzz\u00fcngigkeit der jungen Hausfrau mitgegeben, die zum ersten Mal im eigenen Heim ihre Schwiegermutter empf\u00e4ngt. Dem Anschein nach voll Eifer und gutem Willen kommentieren diese abgefeimten \u201eHandarbeiten\u201c mit einem durchaus liebevollen aber auch leicht melancholischem L\u00e4cheln eine vorgeblich der Welt zugewandte Gastlichkeit, die ihre Besucher in abgr\u00fcndig verschrobene Weltbilder einl\u00e4dt.<\/p>\n<p><strong>Schimpfworte<br \/><\/strong>Schimpfworte sind entweder Wiederholungen aus dem Repertoire oder spontane Wortsch\u00f6pfungen, die ihre Erfindung einem emotionalen Ausnahmezustand verdanken. Sie geh\u00f6ren ihrem Charakter nach in die Dom\u00e4ne des gesprochenen Wortes und kommen in der Schriftsprache selten vor. In Textformaten, die der gesprochenen Sprache nahe stehen, also Alltag begleiten oder kommentieren, wie zum Beispiel Tweets, SMS oder E-Mails, tauchen auch Schimpfworte h\u00e4ufiger auf. Wobei der Begriff Schimpfwort linguistisch nicht eindeutig zu kl\u00e4ren ist. Denn als herabw\u00fcrdigend k\u00f6nnen auch an sich neutrale Begriffe verstanden werden. Ruft jemand nach dem Esel und erwartet kein Tier sondern einen Menschen oder h\u00e4ngt dem Wort die Buchstabenkombination ei an, sodass eine Eselei daraus erw\u00e4chst, dann tut er dies mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit in beleidigender Absicht.<\/p>\n<p>Ingke G\u00fcnther sammelt ausschlie\u00dflich zusammengesetzte Ausdr\u00fccke. Der \u201eEsel\u201c reicht also nicht aus, es sollte schon der \u201eEseltreiber\u201c sein. Sobald ein neues Schimpfwort gefunden ist und den mittlerweile knapp 1900 kraftmeiernden Archivalien hinzugef\u00fcgt werden soll, verwandelt sie es in einen sammel- und herzeigbaren Gegenstand. Immer nur ein Wort wird auf einem 15 x 21 cm gro\u00dfen Blatt B\u00fcttenpapier platziert und mit rundlicher Kinderbuchschrift in einem ausgew\u00e4hlten Rot- oder Rosaton hineingestichelt. Die Konsistenz von Papier setzt dem Besticken gewisse Grenzen. Es konserviert jeden falschen Stich! Zu eng gesetzte Stiche rei\u00dfen L\u00f6cher auf, zu dickes Papier l\u00e4sst sich nur schwer perforieren, zu d\u00fcnnes bietet dem Faden zu wenig Widerstand, rei\u00dft ein oder wird knittrig. B\u00fcttenpapier ist weich, hat gen\u00fcgend Steifigkeit und, weil mit Sieben gesch\u00f6pft, eine ganz eigene Anmutung. Seine Oberfl\u00e4che ist unruhig, die Konsistenz der einzelnen Faserklumpen ist noch zu erahnen. Die R\u00fcckseite zeigt den Abdruck des Sch\u00f6pfsiebs als zartes Relief. Die Kanten sind unregelm\u00e4\u00dfig. Grobe Faserfetzen verfilzen leichter miteinander als die mikroskopisch feinen Partikel der Industriepapiere und geringe Mengen Leim reichen zur Verklebung der B\u00fcttenb\u00f6gen aus. Solcherart \u201eoffene\u201c Papiere sind auf den Einsatz in Tiefdruckverfahren<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><span>[3]<\/span><\/a> abgestimmt. Unter Druck saugen sie auch kleinste Farbspuren aus den Ritzungen der Druckplatten. Gesch\u00f6pftes B\u00fcttenpapier gen\u00fcgt den h\u00f6chsten Anspr\u00fcchen des k\u00fcnstlerischen Bilderdrucks! Ihm die Erf\u00fcllung seiner Bestimmung zu verweigern, um es stattdessen zu durchl\u00f6chern und rosa F\u00e4den hindurch zu ziehen, das zeugt\u00a0 von Unbek\u00fcmmertheit \u2013 oder aber einer augenzwinkernden Frechheit, die mit Kalk\u00fcl die Heiligt\u00fcmer des traditionellen Handwerks ignoriert.<\/p>\n<p>Auch das Bild der rundlichen rosaroten Handschrift, die naiv nachzuplappern scheint, was einem kindlichen Chronisten zu Ohren kam, ist getr\u00e4nkt mit der Essenz des Widerspruchs. Das Erstkl\u00e4ssler mit F\u00fcllfederhalter und Tinte schreiben lernen, hat gute Gr\u00fcnde: Eine lesbare Handschrift findet sich leichter, wenn die noch unbeholfene Hand fl\u00fcssig und ohne allzu viel Widerstand \u00fcber das Papier rutschen kann. Doch anstatt sich dem angenehmen Rhythmus des Auf und Ab der B\u00f6gen, Schleifen, Ober- und Unterl\u00e4ngen hinzugeben, wird schwungvoller Duktus hier zum St\u00fcckwerk. Gebrochene Linien kriechen m\u00fchsam von Loch zu Loch \u00fcber das kostbare Papier. Der in einem derart verlangsamten Vorgang gefertigte Text wird Bild, muss als Text erst wieder erkannt und Buchstabe f\u00fcr Buchstabe entziffert werden: G\u00a0 I\u00a0 P\u00a0 S\u00a0 K\u00a0 O\u00a0 P\u00a0 F\u00a0 \u2013\u00a0 Gipskopf \u2013 GIPSKOPF!<\/p>\n<p>Die Perfidie dieser Konstruktion scheint schnell durchschaut: Das Vertrauen in die Gutwilligkeit gestickter Handarbeiten, das sich beim fl\u00fcchtigen Blick auf die Kleinformate spontan einstellt, wird entt\u00e4uscht, sobald das Geschriebene als Beschimpfung erkannt ist. Aber ein Schimpfwort will geh\u00f6rt sein! Geht der Leser also, wie es die Gestaltung der Wortbilder nahe legt, zum Sprechen \u00fcber, in dem er sich zun\u00e4chst buchstabierend des Inhalts vergewissert, das Wort probiert und abschmeckt und schlie\u00dflich laut t\u00f6nend \u00fcber die Lippen bringt, dann wendet sich das Blatt. Aus dem Empf\u00e4nger wird ein Sender. Mit der Betonung, der Lautst\u00e4rke, dem Tempo und der Art und Weise der Aussprache zu experimentieren, das macht einen guten Teil des Vergn\u00fcgens aus, das man mit Schimpfworten haben kann, wenn einem \u00fcberhaupt nicht nach Schimpfen zu Mute ist! Das Schimpfwort-Archiv von Ingke G\u00fcnther spiegelt Sprachkultur, ist Anregung f\u00fcr eigene Wortsch\u00f6pfungen ebenso wie eine Sammlung von Auflagenobjekten, ist ein Hypertext, der sich immer wieder aufs Neue in andere Sinnzusammenh\u00e4nge umsortieren l\u00e4sst und ein Vorschlag f\u00fcr eine Sprech-Performance, der von jedem Leser sofort angewendet werden kann, ob nun Zuh\u00f6rer anwesend sind oder nicht.<\/p>\n<p>Lie\u00dfe sich dieser Text unbegrenzt fortsetzen, dann k\u00f6nnten noch so manch andere, anregende Ambivalenzen zur Sprache kommen, die in Ingke G\u00fcnthers Buchstabenwerken angelegt sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Bildtafeln der \u201eSchriftst\u00fccke\u201c dem Prinzip nach Tiefdruckplatten sind, aber eben eine \u201eweiche\u201c Variante, mit der nicht gedruckt werden kann und dass sie mit Sinnspr\u00fcchen verzierte Wandsch\u00fctzer zitieren, aber selbst keine Aufh\u00e4ngung haben, sondern gestellt oder gelegt werden m\u00fcssen und es im Werk der K\u00fcnstlerin Wandschriften gibt, die aus Tischdecken gemacht sind, und dass den ausgeschnittenen Handschriften Ihrer \u201eCut Outs\u201c ausgerechnet dasjenige abhanden kommt, was in der Typografie neben den eigentlichen Schriftzeichen das Allerwichtigste ist, n\u00e4mlich der kalkulierbare Raum dazwischen \u2013 und so fort! Wie den beweglichen Lettern in den Setzk\u00e4sten der Buchdruckereien haftet all diesen Artefakten strukturelle Beweglichkeit an. Als \u201eWider-spr\u00fcche\u201c im Wortsinn zieht es sie immer wieder dorthin, wo sie gerade nicht sind und jede Verschiebung im Raum erzeugt andere inhaltliche Verkn\u00fcpfungen. Es sind verzwickt verwickelte Beziehungsgeflechte aus miteinander korrespondierenden Elementen: Material, handwerkliche Fertigkeiten, bildnerische Gestaltung, Platzierung und der Bedeutungsraum zwischen den Zeilen und zwischen Lesen und Sprechen \u2013 handhabbare Worte eben: immer auch Spiel aber nie ohne Hintersinn.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span>[1]<\/span><\/a> Von Spatium (Zwischenraum), bezeichnet den horizontalen Zeichenabstand, regelt die Laufweite einer Schrift<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><span>[2]<\/span><\/a> Mikrodichte Faserplatten<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><span>[3]<\/span><\/a> Tiefdruck: In Tr\u00e4gerplatten geritzte oder ge\u00e4tzte Vertiefungen und Rauhigkeiten nehmen Druckfarbe auf, die von den erhabenen und glatten Fl\u00e4chen wieder abgerieben wird. Radierung und Kupferstich geh\u00f6ren dazu, Holzdruck und Linolschnitt.sind dagegen Hochdruckverfahren: Die druckbaren Fl\u00e4chen sind erhaben.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><br \/>\n<!-- {\"type\":\"layout\",\"children\":[{\"type\":\"section\",\"props\":{\"image_position\":\"center-center\",\"style\":\"default\",\"title_breakpoint\":\"xl\",\"title_position\":\"top-left\",\"title_rotation\":\"left\",\"vertical_align\":\"\",\"width\":\"default\"},\"children\":[{\"type\":\"row\",\"children\":[{\"type\":\"column\",\"props\":{\"image_position\":\"center-center\",\"position_sticky_breakpoint\":\"m\"},\"children\":[{\"type\":\"image\",\"props\":{\"image\":\"wp-content\\\/uploads\\\/sites\\\/2\\\/2023\\\/01\\\/Schnipsel-w-6959.jpg\",\"image_svg_color\":\"emphasis\",\"image_width\":\"600\",\"margin\":\"default\"}},{\"type\":\"text\",\"props\":{\"column_breakpoint\":\"m\",\"content\":\"\n\n<h6>Unter dem Tisch im Atelier<\\\/h6>\",\"margin\":\"default\"}},{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"content\":\"\n\n<h2>Einf\\u00e4deln<\\\/h2>\",\"title_element\":\"h1\"}},{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"content\":\"\n\n<h5>Markus Lepper, Einf\\u00fchrung zur Publikation \\\"Fadentiraden\\\", 2014<\\\/h5>\",\"title_element\":\"h1\"}},{\"type\":\"text\",\"props\":{\"column\":\"1-2\",\"column_breakpoint\":\"m\",\"content\":\"\n\n<p>\\u201eSchweigen\\u201c, sagte Murke, \\u201eich sammle Schweigen. [...] Wenn ich B\\u00e4nder zu schneiden habe, wo die Sprechenden manchmal eine Pause gemacht haben \\u2013 auch Seufzer, Atemz\\u00fcge, absolutes Schweigen \\u2013 das werfe ich nicht in den Abfallkorb, sondern das sammle ich [...]. Ich klebe sie aneinander und spiele mir das Band vor, wenn ich abends zu Hause bin. Es ist noch nicht viel, ich habe erst drei Minuten \\u2013 aber es wird ja auch nicht viel geschwiegen.\\u201c<a href=\\\"#_ftn1\\\" name=\\\"_ftnref1\\\"><sup>[1]<\\\/sup><\\\/a><\\\/p>\\n\n\n<p>Man kann sich wohl kaum eine treffendere Gegenposition zur Sammlung des Dr. Murke vorstellen als das Sammeln von Schimpfw\\u00f6rtern, wie Ingke G\\u00fcnther es nun seit zehn Jahren praktiziert. Wenn sie ihre aus zwei (oder selten auch drei) W\\u00f6rtern zusammengesetzten Schimpfw\\u00f6rter in ein B\\u00fcttenpapier stickt, dann gibt sie sowohl altert\\u00fcmlich anmutenden W\\u00f6rter wie auch sprachlichen Wendungen der Jugendkultur eine neue Pr\\u00e4senz. Dadurch kommen auch ganz unterschiedliche Ebenen der Auseinandersetzung miteinander in Ber\\u00fchrung: Soziokulturelles, k\\u00fcnstlerisch-handwerkliches und wissenschaftlich-forschendes Interesse. Denn sollte ich das, was die K\\u00fcnstlerin macht, einleitend beschreiben (und dieser Versuch wird hier unternommen), so k\\u00e4men mir Feld- und Sprachforschung, Nadelarbeit<a href=\\\"#_ftn2\\\" name=\\\"_ftnref2\\\"><sup>[2]<\\\/sup><\\\/a>, konzeptuell-k\\u00fcnstlerische Positionen zwischen Schrift und Sprache, aber ebenso eine \\u201eWissenschaft vom Alltag\\u201c in den Sinn.<\\\/p>\\n\n\n<p>Auch als Medium der zeitgen\\u00f6ssischen Kunst haben Stickereien in den letzten zwanzig Jahren an Bedeutung gewonnen. In ihrem Buch \\u201eNadelstiche\\u201c geht Matilda Felix diesem Ph\\u00e4nomen nach und untersucht am Werk ganz unterschiedlicher K\\u00fcnstlerinnen und K\\u00fcnstler deren Verwendung von Nadel und Faden: \\u201eSeit der Aufkl\\u00e4rung verk\\u00f6rpern Stickereien einen destillierten Ausdruck von Anstand und Ordnung, der sie als k\\u00fcnstlerisches Medium diskreditierte und aus dem Kunstbetrieb verdr\\u00e4ngte. Inzwischen verleiht gerade dieses gut-b\\u00fcrgerliche Image der Handarbeit eine Note der Renitenz, die sie f\\u00fcr zeitgen\\u00f6ssische K\\u00fcnstlerinnen und K\\u00fcnstler interessant werden l\\u00e4sst.\\u201c<a href=\\\"#_ftn3\\\" name=\\\"_ftnref3\\\"><sup>[3]<\\\/sup><\\\/a><\\\/p>\\n\n\n<p>Der braven (wenn nicht biedermeierlichen) T\\u00e4tigkeit des Stickens k\\u00f6nnte man kaum mehr subversive Brisanz verleihen, als durch die Heftigkeit der Ausdr\\u00fccke, die Ingke G\\u00fcnther in das Papier wirkt. Jedenfalls wird das Dekorationsbed\\u00fcrfnis im b\\u00fcrgerlichen Interieur durch dieses Verst\\u00e4ndnis typisch weiblicher Freizeitbesch\\u00e4ftigung in Frage gestellt und die Behaglichkeit der Wohnung ger\\u00e4t durch diese Art der Stickerei zumindest in Gefahr.<\\\/p>\\n\n\n<p>Wenn nun der Neue Kunstverein Gie\\u00dfen freudig die Herausgeberschaft dieses Buches \\u00fcbernommen hat, dann ist das folgerichtig, weil im Jahr 2005 eine kleine Auswahl von Schimpfw\\u00f6rtern im Rahmen der Ausstellung \\u201eheute empfehlen wir\\u201c von Ingke G\\u00fcnther und J\\u00f6rg Wagner erstmalig zu sehen waren.<br \\\/>Gemeinsam hatten sie damals den Kunstverein, der gut ein Jahr zuvor neu Quartier in einem ehemaligen Verkaufspavillon am Alten Friedhof genommen hatte, zeitweilig wieder in die alte Form seiner Nutzung \\u00fcberf\\u00fchrt. Die urspr\\u00fcngliche und heutige Funktion des Raumes wurden zusammengebracht, indem der stadtbekannte Kiosk tempor\\u00e4r wieder als solcher genutzt wurde, ohne jedoch seinen neuen Zweck als Raum f\\u00fcr zeitgen\\u00f6ssische Kunst aufzugeben. Konsumg\\u00fcter und Artefakte wurden auf gleicher Ebene pr\\u00e4sentiert und verkauft. Neben Lakritzschnecken, Bierflaschen und Schokolade gingen auch bestickte Putzlappen, fotografierte Spiegeleier und eben jene gesammelten Kraftausdr\\u00fccke als Nadelarbeit \\u00fcber die Verkaufstheke, die hier als \\u201eFadentiraden\\u201c versammelt sind.<br \\\/>Laut \\u201eSpeisen- und Warenangebot\\u201c waren es damals 401 Schimpfw\\u00f6rter als Stickerei auf B\\u00fctten, jedes Wort in einer Auflage von 10 St\\u00fcck. An der Auflage hat sich bis heute nichts ge\\u00e4ndert, wohl aber an der Zahl der Schimpfw\\u00f6rter, die nur noch knapp unter zweitausend liegt.<\\\/p>\\n\n\n<p>Ingke G\\u00fcnther sammelt und archiviert Schimpfw\\u00f6rter, die auch unterschiedliche Dialekte<a href=\\\"#_ftn4\\\" name=\\\"_ftnref4\\\"><sup>[4]<\\\/sup><\\\/a> und Soziolekte in sich tragen. Durch das Aufschreiben in Form der Stickerei dokumentiert sie aber auch ihre Sicht auf die Welt und verortet das Schimpfen als Ausdruck zwischen liebevollem Gram und verdrie\\u00dflichem Urteil. F\\u00fcr die Frage nach dem Verh\\u00e4ltnis zwischen Kunst und Leben, die seit vielen Jahren sowohl f\\u00fcr die Kunstproduktion als auch f\\u00fcr die Rezeption eine wichtige Konstante ist, spielen diese Alltagsph\\u00e4nomene und deren Bedeutung in der Sprache eine entscheidende Rolle.<\\\/p>\\n\n\n<p>In drei Beitr\\u00e4gen n\\u00e4hern sich die Autorinnen dieses Buches von unterschiedlichen Seiten her dem Feld, das Ingke G\\u00fcnther bearbeitet. Andr\\u00e9 Meinunger ist Sprachwissenschaftler und untersucht das Schimpfen als Sprechakt und Bindeglied zwischen kommunikativen Formen im Tier- und Menschenreich, wobei nicht Schimpfw\\u00f6rter wie \\u201eAuerochse\\u201c oder \\u201eSauhund\\u201c gemeint sind, sondern eher verhaltenspsychologische Formen, die in menschlicher und tierischer Kommunikation durchaus vergleichbar sind. Die K\\u00fcnstlerkollegin Andrea Knobloch geht in ihrem Text auf die Herstellung und den Kontext der unterschiedlichen Werkgruppen ein. In \\u201eSchriftst\\u00fccken\\u201c, den \\u201eCut-Outs\\u201c und den \\u201eSchimpfworten\\u201c qualifiziert sie je unterschiedliche aber einander verwandte Prinzipien, Wort und Schrift ins Bild zu bringen. Mit \\u201ePost-it\\u201c hantiert die Schweizer Autorin Katharina Tanner selbst mit handfestem Vokabular und n\\u00e4hert sich den Arbeiten mit lyrischen Analogien aus dem Bereich des Haushaltes und der Handarbeit.<\\\/p>\\n\n\n<p><\\\/p>\\n\n\n<p>Dem nur scheinbar unbeteiligten Aufsammeln von Schimpfw\\u00f6rtern und Sinnspr\\u00fcchen sowie dem scharfen Blick der K\\u00fcnstlerin auf wortsch\\u00f6pferische Ph\\u00e4nomene, entspringt ihr Hintersinn. Der Ernsthaftigkeit und Ausdauer ihrer Erforschung sowie der Transformation der Ergebnisse in diesem Buch ist es zu verdanken, dass die Leserschaft einen Einblick in die komplexe Funktionsweise der Alltagskultur erh\\u00e4lt. So sind die Schimpfw\\u00f6rter wohl auch Vermittlungs- oder Kompensationsversuch zwischen Kunst und Leben, zwischen \\u201eHackfresse\\u201c und \\u201eHimbeertoni\\u201c.<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref1\\\" name=\\\"_ftn1\\\"><span>[1]<\\\/span><\\\/a> Heinrich B\\u00f6ll, <em>Dr. Murkes gesammeltes Schweigen<\\\/em>, 1958. Die Kenntnis dieses Zitates verdanke ich Marcel Baumgartner.<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref2\\\" name=\\\"_ftn2\\\"><span>[2]<\\\/span><\\\/a> Unter Nadelarbeit, auch Handarbeit versteht man in der Textiltechnik diejenigen Techniken, die mit Textilien, Garnen und Nadeln verschiedenster Art und Form von Hand ausgef\\u00fchrt werden.<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref3\\\" name=\\\"_ftn3\\\"><span>[3]<\\\/span><\\\/a> Matilda Felix, <em>Nadelstiche. Sticken in der Kunst der Gegenwart<\\\/em>, Bielefeld: Transcript, 2010, S 7.<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref4\\\" name=\\\"_ftn4\\\"><span>[4]<\\\/span><\\\/a> Insbesondere aus dem Bayrischen und dem Schweizerdeutschen k\\u00f6nnte eine Vielzahl von Schimpfw\\u00f6rtern erg\\u00e4nzt werden, die jedoch der gew\\u00fcnschten Allgemeinverst\\u00e4ndlichkeit der Ausdr\\u00fccke entbehren w\\u00fcrden.<\\\/p>\",\"margin\":\"default\"}},{\"type\":\"divider\",\"props\":{\"divider_element\":\"hr\"}}]}]}]},{\"type\":\"section\",\"props\":{\"image_position\":\"center-center\",\"style\":\"default\",\"title_breakpoint\":\"xl\",\"title_position\":\"top-left\",\"title_rotation\":\"left\",\"vertical_align\":\"\",\"width\":\"default\"},\"children\":[{\"type\":\"row\",\"children\":[{\"type\":\"column\",\"props\":{\"image_position\":\"center-center\",\"position_sticky_breakpoint\":\"m\"},\"children\":[{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"content\":\"\n\n<h2>Worte Handhaben<\\\/h2>\",\"title_element\":\"h1\"}},{\"type\":\"headline\",\"props\":{\"content\":\"\n\n<h5>Andrea Knobloch, in der Publikation \\\"Fadentiraden\\\", 2014<\\\/h5>\",\"title_element\":\"h1\"}},{\"type\":\"text\",\"props\":{\"column\":\"1-2\",\"column_breakpoint\":\"m\",\"content\":\"\n\n<p>Das gesprochene Wort ist ein Hasardeur. Durch einen Zungenschlag verwirbelter Atem dr\\u00e4ngt zwischen Z\\u00e4hnen und Lippen hervor. Ein ausgespucktes Ger\\u00e4usch, das einen Sinn in das Denken auch zuf\\u00e4lliger Zuh\\u00f6rer pflanzt, der allzu oft nicht mit der Absicht des Sprechers \\u00fcbereinstimmt. Das gesprochene Wort ist fl\\u00fcchtig. Kaum hat es ein Trommelfell in Schwingungen versetzt, verhallt es auch schon. Trotzdem kann es, einmal ausgesprochen, nicht zur\\u00fcckgenommen werden.<\\\/p>\\n\n\n<p>Das geschriebene Wort legt fest, tr\\u00e4gt ein, beharrt und steht zur Verf\\u00fcgung. In die beiden Steintafeln, die Moses dem Volk Israel vom Berg Sinai mitbrachte, hatte, der Sage nach, Gott mit eigenem Finger die zehn Gebote eingekerbt. Sobald die Schrift erfunden war, wurden in Stein geschlagene Erlasse der Herrschenden in ungez\\u00e4hlten Tagesreisen durch unzug\\u00e4ngliche Landschaften geschleppt, um ihren Machtanspruch zu behaupten und zu sichern. Ohne die Energie des g\\u00f6ttlichen Fingers nur mit Hammer und Mei\\u00dfel ausgestattet, wird das Schreiben in Stein zur Kr\\u00e4fte zehrenden M\\u00fchsal. Und: je l\\u00e4nger und ausf\\u00fchrlicher der Text, desto schwerer wog das, ab einem gewissen Volumen vollends immobile, Ergebnis. Das gewichtige Wort wird immer noch in best\\u00e4ndiges Material gefasst. Altert\\u00fcmliche ebenso wie neuzeitliche Denkmale und Grabsteine erinnern an die Ungeheuerlichkeit, die mit der Erfindung der Schrift in die Welt kam: n\\u00e4mlich die M\\u00f6glichkeit des Festhaltens fl\\u00fcchtiger, gesprochener Worte f\\u00fcr eine \\u2013 gemessen an der Sterblichkeit der Sprechenden und Schreibenden \\u00ad\\u2013 Ewigkeit.<\\\/p>\\n\n\n<p>Unser heutiges Alphabet ist handwerklich gesehen ein Zwitter. Es leitet sich von der Capitalis Monumentalis ab, einer Schrift, die nur Gro\\u00dfbuchstaben kennt und ab etwa 100 nach Christi Geburt von r\\u00f6mischen Handwerkern mit feinem Gesp\\u00fcr f\\u00fcr Proportion und Form in S\\u00e4ulen und Pylone gehauen wurde. Die Spationierung<a href=\\\"#_ftn1\\\" name=\\\"_ftnref1\\\"><span>[1]<\\\/span><\\\/a> von Versalien ist eine Kunst f\\u00fcr sich, umso mehr, wenn ein Text unkorrigierbar in Stein ausgef\\u00fchrt wird. Denn es gilt dabei, trotz der ganz und gar unterschiedlichen und charakteristischen Formen der Lettern ein harmonisches Gesamtbild zu erzeugen. Das geschmeidigere und flinkere Schreiben mit Tinte und Feder auf Pergament und sp\\u00e4ter auch Papier ver\\u00e4nderte die Gestalt der Buchstaben. Im Zusammenspiel zwischen Schreibmedium, Schreibwerkzeug und den motorischen M\\u00f6glichkeiten der von links nach rechts gleitenden Hand verschliffen sich Ecken und Kanten zugunsten einer fl\\u00fcssigen Schreibbewegung. Am Ende der Verwandlung der ehrw\\u00fcrdigen Capitalis Monumentalis stand die humanistische Minuskel, aus der sich die Kleinbuchstaben unseres Alphabets ableiten. Die urspr\\u00fcngliche Struktur der einst f\\u00fcr Hammer und Mei\\u00dfel entworfenen Schrift hat sich in unseren Gro\\u00dfbuchstaben weitgehend erhalten.<\\\/p>\\n\n\n<p>Der Bleisatz bef\\u00f6rderte dann die Vervielf\\u00e4ltigung handschriftlich oder sp\\u00e4ter per \\u201eSchreibmaschine\\u201c entworfener Texte. Tausende in Blei geschnittene Lettern pro Schrift wurden immer wieder umsortiert und neu zusammengestellt, um in Windeseile tausende von Seiten auf den geschw\\u00e4rzten Bleisatz zu pressen und zu bedrucken. Buchstaben haben l\\u00e4ngst kein Gewicht mehr. Sie sind zu Erscheinungen auf Bildschirmen geworden, die sich in wundersamer Weise als schwarze Spuren auf dem Papier der seltener werdenden \\u201ePrintmedien\\u201c niederschlagen. Schriftentwurf und Schriftherstellung sind heute nicht mehr Werk schaffender H\\u00e4nde in direkter Ber\\u00fchrung mit Werkzeugen und Material, sondern Ergebnis industriell organisierter digitaler Verfahren.<\\\/p>\\n\n\n<p><strong>Schriftst\\u00fccke<br \\\/><\\\/strong>Ingke G\\u00fcnther bedient sich handwerklicher Verfahren, um Worte herzustellen. Dabei betreibt sie einen Aufwand an Zeit und M\\u00fche, der, gemessen an der erzeugten Textmenge, verschwenderisch erscheint. Die \\u201eSchriftst\\u00fccke f\\u00fcr den Wohnbereich\\u201c, die kurze S\\u00e4tze und Sinnspr\\u00fcche vorstellen, werden aus wei\\u00df grundierten MDF-Platten<a href=\\\"#_ftn2\\\" name=\\\"_ftnref2\\\"><span>[2]<\\\/span><\\\/a> gefertigt. Mit rasiermesserscharfer Klinge eingravierte feine Ritzungen verschlingen sich zu Worten, die erst durch das Einreiben der Fl\\u00e4che mit \\u00d6lkreide und die anschlie\\u00dfende Reinigung mit L\\u00f6sungsmittel lesbar werden, weil sich dabei Farbe in den Vertiefungen der Lineaturen festsetzt. Mehrere Arbeitsschritte sind notwendig, um ein Textbild zu erzeugen, das trotzdem undeutlich bleibt. Der harte Untergrund und das spitze Schreibwerkzeug lassen nur ruckartige Schreibbewegungen zu. Das Schriftbild erscheint unbeholfen und gezwungen. Bei der Ausf\\u00fchrung ist allerdings hohe Konzentration erforderlich, denn jeder Ausrutscher, jedes Verschreiben w\\u00fcrde sp\\u00e4testens nach dem Durchf\\u00e4rben der Fl\\u00e4che st\\u00f6rend ins Auge fallen. Dabei mutet die Schrift selbst wie eine St\\u00f6rung an: L\\u00e4stige Kratzer besch\\u00e4digen eine ansonsten s\\u00e4uberlich glattwei\\u00dfe Oberfl\\u00e4che, deren unregelm\\u00e4\\u00dfige und ein wenig fleckige T\\u00f6nung an verf\\u00e4rbte Kochw\\u00e4sche erinnert. Das Format der kleinen Tafeln entspricht mit den Abmessungen 24 x 18 cm der Proportion 4:3, die neben dem Seitenverh\\u00e4ltnis 3:2 immer noch eines der gebr\\u00e4uchlichsten Buchformate ist. Im Zusammenspiel mit der handlichen Gr\\u00f6\\u00dfe verf\\u00fchrt dieses gemeinhin als harmonisch und angenehm empfundene Ma\\u00dfverh\\u00e4ltnis zum Anfassen und Aufheben der Tafeln. Beim Drehen und Wenden streicht man \\u00fcber die schartigen Ritzungen und f\\u00e4hrt dann mit den Fingerspitzen entlang der ruckenden Linien Buchstaben und Worte ab.<\\\/p>\\n\n\n<p>Die Tafeln scheinen einer H\\u00e4uslichkeit entsprungen, in der das Bem\\u00fchen um Ordnung und Sauberkeit etwas gilt, die das rechte Ma\\u00df kennt und sich die Zeit g\\u00f6nnt, \\u00fcberlieferte Lebensweisheiten in Fasson zu bringen, um sich ihrer allt\\u00e4glich zu vergewissern. Man denkt an friedvolle Biedermeierlichkeit und sittsame junge M\\u00e4dchen, die am Abend kein anderes Gesch\\u00e4ft kennen, als in der Spinnstube zu hocken und Stich auf Stich ihre Aussteuer auszun\\u00e4hen. Nicht einmal im Widerspruch dazu findet sich der Charakter einer Strafarbeit, der Ingke G\\u00fcnthers \\u201eSchriftst\\u00fccken\\u201c ebenso anhaftet. J\\u00fcngeren Generationen mag das peinliche Nachsitzen, w\\u00e4hrenddessen in Sch\\u00f6nschrift viele Male derselbe Satz mit l\\u00e4uterndem Inhalt zu Papier gebracht werden musste, erspart geblieben sein. Diejenigen, die in den 60er Jahren oder fr\\u00fcher eingeschult wurden, erinnern sich wom\\u00f6glich: Schreiben als qu\\u00e4lend endloser Vorgang, der sich mit jedem Ausrutscher, jedem Verschreiben und der darauf unweigerlich folgenden Aufforderung zur Wiederholung des ganzen Satzes um weitere, schier endlose Minuten verl\\u00e4ngerte. Schreiben als T\\u00e4tigkeit, die zum richtigen Leben ermahnt und gleichzeitig dem Leben entzieht. Der Inhalt der S\\u00e4tze, die mit M\\u00fche und Geschick in die harte und glatte Farbschicht\\u00a0 der \\u201eSchriftst\\u00fccke\\u201c gekratzt wurden, offenbart vollends einen erzieherischen Beiklang: \\u201eAchte die formale Klarheit im Wohnbereich: lass dich nicht nieder, wo du st\\u00f6rst\\u201c hei\\u00dft es dort oder: \\\"Trag\\u00b4 Sorge um Wohlklang und Behaglichkeit\\\", als w\\u00e4re dies mit gouvernantenhafter Spitzz\\u00fcngigkeit der jungen Hausfrau mitgegeben, die zum ersten Mal im eigenen Heim ihre Schwiegermutter empf\\u00e4ngt. Dem Anschein nach voll Eifer und gutem Willen kommentieren diese abgefeimten \\u201eHandarbeiten\\u201c mit einem durchaus liebevollen aber auch leicht melancholischem L\\u00e4cheln eine vorgeblich der Welt zugewandte Gastlichkeit, die ihre Besucher in abgr\\u00fcndig verschrobene Weltbilder einl\\u00e4dt.<\\\/p>\\n\n\n<p><strong>Schimpfworte<br \\\/><\\\/strong>Schimpfworte sind entweder Wiederholungen aus dem Repertoire oder spontane Wortsch\\u00f6pfungen, die ihre Erfindung einem emotionalen Ausnahmezustand verdanken. Sie geh\\u00f6ren ihrem Charakter nach in die Dom\\u00e4ne des gesprochenen Wortes und kommen in der Schriftsprache selten vor. In Textformaten, die der gesprochenen Sprache nahe stehen, also Alltag begleiten oder kommentieren, wie zum Beispiel Tweets, SMS oder E-Mails, tauchen auch Schimpfworte h\\u00e4ufiger auf. Wobei der Begriff Schimpfwort linguistisch nicht eindeutig zu kl\\u00e4ren ist. Denn als herabw\\u00fcrdigend k\\u00f6nnen auch an sich neutrale Begriffe verstanden werden. Ruft jemand nach dem Esel und erwartet kein Tier sondern einen Menschen oder h\\u00e4ngt dem Wort die Buchstabenkombination ei an, sodass eine Eselei daraus erw\\u00e4chst, dann tut er dies mit gro\\u00dfer Wahrscheinlichkeit in beleidigender Absicht.<\\\/p>\\n\n\n<p>Ingke G\\u00fcnther sammelt ausschlie\\u00dflich zusammengesetzte Ausdr\\u00fccke. Der \\u201eEsel\\u201c reicht also nicht aus, es sollte schon der \\u201eEseltreiber\\u201c sein. Sobald ein neues Schimpfwort gefunden ist und den mittlerweile knapp 1900 kraftmeiernden Archivalien hinzugef\\u00fcgt werden soll, verwandelt sie es in einen sammel- und herzeigbaren Gegenstand. Immer nur ein Wort wird auf einem 15 x 21 cm gro\\u00dfen Blatt B\\u00fcttenpapier platziert und mit rundlicher Kinderbuchschrift in einem ausgew\\u00e4hlten Rot- oder Rosaton hineingestichelt. Die Konsistenz von Papier setzt dem Besticken gewisse Grenzen. Es konserviert jeden falschen Stich! Zu eng gesetzte Stiche rei\\u00dfen L\\u00f6cher auf, zu dickes Papier l\\u00e4sst sich nur schwer perforieren, zu d\\u00fcnnes bietet dem Faden zu wenig Widerstand, rei\\u00dft ein oder wird knittrig. B\\u00fcttenpapier ist weich, hat gen\\u00fcgend Steifigkeit und, weil mit Sieben gesch\\u00f6pft, eine ganz eigene Anmutung. Seine Oberfl\\u00e4che ist unruhig, die Konsistenz der einzelnen Faserklumpen ist noch zu erahnen. Die R\\u00fcckseite zeigt den Abdruck des Sch\\u00f6pfsiebs als zartes Relief. Die Kanten sind unregelm\\u00e4\\u00dfig. Grobe Faserfetzen verfilzen leichter miteinander als die mikroskopisch feinen Partikel der Industriepapiere und geringe Mengen Leim reichen zur Verklebung der B\\u00fcttenb\\u00f6gen aus. Solcherart \\u201eoffene\\u201c Papiere sind auf den Einsatz in Tiefdruckverfahren<a href=\\\"#_ftn3\\\" name=\\\"_ftnref3\\\"><span>[3]<\\\/span><\\\/a> abgestimmt. Unter Druck saugen sie auch kleinste Farbspuren aus den Ritzungen der Druckplatten. Gesch\\u00f6pftes B\\u00fcttenpapier gen\\u00fcgt den h\\u00f6chsten Anspr\\u00fcchen des k\\u00fcnstlerischen Bilderdrucks! Ihm die Erf\\u00fcllung seiner Bestimmung zu verweigern, um es stattdessen zu durchl\\u00f6chern und rosa F\\u00e4den hindurch zu ziehen, das zeugt\\u00a0 von Unbek\\u00fcmmertheit \\u2013 oder aber einer augenzwinkernden Frechheit, die mit Kalk\\u00fcl die Heiligt\\u00fcmer des traditionellen Handwerks ignoriert.<\\\/p>\\n\n\n<p>Auch das Bild der rundlichen rosaroten Handschrift, die naiv nachzuplappern scheint, was einem kindlichen Chronisten zu Ohren kam, ist getr\\u00e4nkt mit der Essenz des Widerspruchs. Das Erstkl\\u00e4ssler mit F\\u00fcllfederhalter und Tinte schreiben lernen, hat gute Gr\\u00fcnde: Eine lesbare Handschrift findet sich leichter, wenn die noch unbeholfene Hand fl\\u00fcssig und ohne allzu viel Widerstand \\u00fcber das Papier rutschen kann. Doch anstatt sich dem angenehmen Rhythmus des Auf und Ab der B\\u00f6gen, Schleifen, Ober- und Unterl\\u00e4ngen hinzugeben, wird schwungvoller Duktus hier zum St\\u00fcckwerk. Gebrochene Linien kriechen m\\u00fchsam von Loch zu Loch \\u00fcber das kostbare Papier. Der in einem derart verlangsamten Vorgang gefertigte Text wird Bild, muss als Text erst wieder erkannt und Buchstabe f\\u00fcr Buchstabe entziffert werden: G\\u00a0 I\\u00a0 P\\u00a0 S\\u00a0 K\\u00a0 O\\u00a0 P\\u00a0 F\\u00a0 \\u2013\\u00a0 Gipskopf \\u2013 GIPSKOPF!<\\\/p>\\n\n\n<p>Die Perfidie dieser Konstruktion scheint schnell durchschaut: Das Vertrauen in die Gutwilligkeit gestickter Handarbeiten, das sich beim fl\\u00fcchtigen Blick auf die Kleinformate spontan einstellt, wird entt\\u00e4uscht, sobald das Geschriebene als Beschimpfung erkannt ist. Aber ein Schimpfwort will geh\\u00f6rt sein! Geht der Leser also, wie es die Gestaltung der Wortbilder nahe legt, zum Sprechen \\u00fcber, in dem er sich zun\\u00e4chst buchstabierend des Inhalts vergewissert, das Wort probiert und abschmeckt und schlie\\u00dflich laut t\\u00f6nend \\u00fcber die Lippen bringt, dann wendet sich das Blatt. Aus dem Empf\\u00e4nger wird ein Sender. Mit der Betonung, der Lautst\\u00e4rke, dem Tempo und der Art und Weise der Aussprache zu experimentieren, das macht einen guten Teil des Vergn\\u00fcgens aus, das man mit Schimpfworten haben kann, wenn einem \\u00fcberhaupt nicht nach Schimpfen zu Mute ist! Das Schimpfwort-Archiv von Ingke G\\u00fcnther spiegelt Sprachkultur, ist Anregung f\\u00fcr eigene Wortsch\\u00f6pfungen ebenso wie eine Sammlung von Auflagenobjekten, ist ein Hypertext, der sich immer wieder aufs Neue in andere Sinnzusammenh\\u00e4nge umsortieren l\\u00e4sst und ein Vorschlag f\\u00fcr eine Sprech-Performance, der von jedem Leser sofort angewendet werden kann, ob nun Zuh\\u00f6rer anwesend sind oder nicht.<\\\/p>\\n\n\n<p>Lie\\u00dfe sich dieser Text unbegrenzt fortsetzen, dann k\\u00f6nnten noch so manch andere, anregende Ambivalenzen zur Sprache kommen, die in Ingke G\\u00fcnthers Buchstabenwerken angelegt sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Bildtafeln der \\u201eSchriftst\\u00fccke\\u201c dem Prinzip nach Tiefdruckplatten sind, aber eben eine \\u201eweiche\\u201c Variante, mit der nicht gedruckt werden kann und dass sie mit Sinnspr\\u00fcchen verzierte Wandsch\\u00fctzer zitieren, aber selbst keine Aufh\\u00e4ngung haben, sondern gestellt oder gelegt werden m\\u00fcssen und es im Werk der K\\u00fcnstlerin Wandschriften gibt, die aus Tischdecken gemacht sind, und dass den ausgeschnittenen Handschriften Ihrer \\u201eCut Outs\\u201c ausgerechnet dasjenige abhanden kommt, was in der Typografie neben den eigentlichen Schriftzeichen das Allerwichtigste ist, n\\u00e4mlich der kalkulierbare Raum dazwischen \\u2013 und so fort! Wie den beweglichen Lettern in den Setzk\\u00e4sten der Buchdruckereien haftet all diesen Artefakten strukturelle Beweglichkeit an. Als \\u201eWider-spr\\u00fcche\\u201c im Wortsinn zieht es sie immer wieder dorthin, wo sie gerade nicht sind und jede Verschiebung im Raum erzeugt andere inhaltliche Verkn\\u00fcpfungen. Es sind verzwickt verwickelte Beziehungsgeflechte aus miteinander korrespondierenden Elementen: Material, handwerkliche Fertigkeiten, bildnerische Gestaltung, Platzierung und der Bedeutungsraum zwischen den Zeilen und zwischen Lesen und Sprechen \\u2013 handhabbare Worte eben: immer auch Spiel aber nie ohne Hintersinn.<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref1\\\" name=\\\"_ftn1\\\"><span>[1]<\\\/span><\\\/a> Von Spatium (Zwischenraum), bezeichnet den horizontalen Zeichenabstand, regelt die Laufweite einer Schrift<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref2\\\" name=\\\"_ftn2\\\"><span>[2]<\\\/span><\\\/a> Mikrodichte Faserplatten<\\\/p>\\n\n\n<p><a href=\\\"#_ftnref3\\\" name=\\\"_ftn3\\\"><span>[3]<\\\/span><\\\/a> Tiefdruck: In Tr\\u00e4gerplatten geritzte oder ge\\u00e4tzte Vertiefungen und Rauhigkeiten nehmen Druckfarbe auf, die von den erhabenen und glatten Fl\\u00e4chen wieder abgerieben wird. Radierung und Kupferstich geh\\u00f6ren dazu, Holzdruck und Linolschnitt.sind dagegen Hochdruckverfahren: Die druckbaren Fl\\u00e4chen sind erhaben.<\\\/p>\",\"margin\":\"default\"}}]}]}]}],\"version\":\"4.5.31\"} --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Tisch im Atelier Einf\u00e4deln Markus Lepper, Einf\u00fchrung zur Publikation &#8222;Fadentiraden&#8220;, 2014 \u201eSchweigen\u201c, sagte Murke, \u201eich sammle Schweigen. [&#8230;] Wenn ich B\u00e4nder zu schneiden habe, wo die Sprechenden manchmal eine Pause gemacht haben \u2013 auch Seufzer, Atemz\u00fcge, absolutes Schweigen \u2013 das werfe ich nicht in den Abfallkorb, sondern das sammle ich [&#8230;]. 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